Marienikone
Eine neue Ikone „Maria, Jungfrau der Kontemplation“
Diese neue Ikone wurde nach den theologischen Überlegungen von P. Jesus Castellano OCD, Professor in Rom und 2006 dort verstorben, von Schwester Veronika Schmitt OCD, Karmelitin im Karmel Hl. Blut von Dachau, geschrieben.
Das Vorbild ist die Marienikone „Jungfrau vom Zeichen“ (nach Jes. 7,14 „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“), die in der Orthodoxie eine lange Tradition hat.
Die Theotokos ist hier dargestellt in der Orantenhaltung und trägt auf der Brust die „imago clipeata“, eine schildförmige Ikone mit dem Bild des Immanuel.
Der Karmelorden wird präsentiert durch den Berggipfel und der Höhle mit den drei Sternen des Karmelwappens. Der Ginsterstrauch (1 Kön 19) im unteren Bereich weist auf die dunkle Wüstenerfahrung des Propheten Elija hin, seine kontemplative Erfahrung im Ton eines „dahin schwebenden Schweigens“, wie es eine neuere Bibelversion übersetzt (1 Kön 19.12).
So ist in diesen Symbolen auch die zweite Identifikationsgestalt neben der Jungfrau Maria, für das Leben der Karmeliten in den Anfängen auf dem Berg Karmel in der Darstellung präsent: der Prophet Elija, dessen Verehrung auf dem Berg Karmel auch durch das Judentum und den Islam bis heute lebendig ist.
P. Jesus Castellano OCD bezeichnet diese Ikone mit Recht als ein „Kompendium der karmelitanischen Spiritualität.“ Die Höhle steht für die Höhle am Gottesberg Horeb, in der sich der Prophet verbirgt, wie für die Höhlen auf dem Berg Karmel, in denen die Karmeleinsiedler lebten.
Verschiedene Symbolelemente der Bibel sind in die Komposition miteinbezogen und bestimmen die Grundzüge ihrer Botschaft: Die Gottesmutter erhebt sich auf einer über dem Meer schwebenden Wolke. Die Schreiberin der Ikone, Sr. Veronika, möchte darin eher die Quelle des Elija sehen, die in der Karmelregel genannt wird, beide Deutungen sind legitim.
Die Wolke begegnet uns im Elijaszyklus bei seinem Gebet um Regen auf dem Karmel (1 Kön 18,44). Schon die Kirchenväter deuteten die Wolke, die groß wie eine Menschenhand vom Meer aufsteigt und den Regen bringen wird, auf Maria hin. Die unfruchtbare bis ins Innerste verdorrte Erde erwartet ihr Heil vom Himmel. Der Regen symbolisiert das wirkmächtige und befruchtende Wort Gottes (vgl. Jes 55,10).
Die Jungfrau Maria ist für den Karmel das Urbild eines kontemplativen Menschen. In ihr nimmt dieses befruchtende Wort Gottes Gestalt an und wird Mensch. Der Evangelist Lukas berichtet immer wieder, wie Maria dieses Wort auch nach der Geburt immer wieder annimmt, in sich Raum gibt. “Und Maria bewahrte diese Worte und bewegte in ihrem Herzen (Lk 1,66; 2,19).
Dieser kontemplative Umgang mit ihrem Glaubensweg als ein Durchdringen des Wortes Gottes und ihm Raum geben und verwirklichen, war mit den Karmeliten auf eine Wellenlänge, in deren Regel der Kernsatz lautet: „Tag und Nacht über die Weisung des Herrn nachsinnen und in Gebeten wachen.“
In diesem inneren Raum des Wortes Gottes, kann Christus Gestalt annehmen und seine Züge einprägen. Die innere Haltungen, Gedankenwelten, Vorstellungen, Gefühle und Empfindungen mit seinem Geist des Evangeliums einfärben. Nur so kann der Mensch, nicht aus eigenem Vermögen und eigener Kraft, den Prozess der Verwandlung gehen. Denn nur die Liebe kann das menschliche Herz wandeln, nicht Zwang, Überwindung, Kraftanstrengung. Diese Anstrengungen sind vergeblich, wenn nicht diese innere und innige Gemeinschaft mit dem Mensch gewordenen Wort Gottes, mit Jesus, dem Christus, sich in uns ausprägt und prägend wird.
Maria selbst ist in den Farben des Karmelhabits gekleidet: Braun und Weiß. Das erdfarbene Braun steht für die Haltung der Erdhaftigkeit des menschlichen Seins. Der lat. „homo“ (Mensch) ist aus dem „humus“ (Erde) genommen und er-fährt in der Haltung der „humilitas“ (Demut) seine Erlösungsbedürftigkeit. Er, der Mensch selbst ist das ausgetrocknete, leblose und unfruchtbare Erdreich, das durch den belebenden und befruchtenden Regen – den Erlöser – grünen und blühen kann, belebt und erlöst wird.
Den weißen Mantel, den Maria wie sonst auf ortodoxen Ikonen als Mapharion (Schulterumhang) trägt, zieren wie auch sonst auf Marienikonen die drei Sterne, die für die Jungfernschaft vor, während und nach der Geburt stehen.
Der weiße Mantel ist geschmückt mit einem silbernen Schimmer wie die schimmernde Leuchtkräft des Mondes. In der Symbolik der Bibel und des hl. Johannes vom Kreuz bedeutet Silber den Glauben. Der Lehrer der Mystik spricht im „Geistlichen Gesang“ von der „silbrigen Oberfläche“ der kristallklaren Quelle, in der die Züge des Antlitzes des Geliebten sich abzeichnen, die auch der Gläubige in seiner Seele eingezeichnet findet.
Der „habit“ (das Gewand) hängt eng mit „habitus“ (Gewohnheit, Gesinnung, die Haut in der man steckt) zusammen. Bekleidet mit den Tugenden der Demut und des Glaubens wird im Inneren Christus vergegenwärtigt und lebendig.
Die neue Marienikone hat ihren Platz in der Sakristei des Karmelitenkloster St. Josef gefunden. So ist sie den Zelebranten im Blick, wenn sich diese in einer kurzen Stille auf die Feier der Eucharistie vorbereiten, in der eben das geschieht, was die Ikone zeigt, Jesus wird in uns vergegenwärtigt.
Die Jungfrau Maria ist als „Monstranz der Gegenwart Jesu“ Einladung, die Ohren des Herzens auf das Wort hin und das Herz auf die Begegnung mit dem eucharistischen Heiland zu öffnen, damit er immer mehr in uns Raum hat und immer mehr unser Leben wird. Und wir so den belebenden Regen des Worten Gottes den ausgetrockneten Herzen der Gläubigen bringen können.


