Hl. Johannes vom Kreuz

Gedanken zum Hochfest unseres Ordensvaters
Johannes vom Kreuz
14. Dezember

Liebe erkennt man am Blick!

Sind zwei Menschen frisch verliebt, dann saugen sie sich am Blick des anderen fest und können ihn nicht mehr aus dem Blick lassen. Sind sie voneinander getrennt, dann ist das Gesicht des anderen in Gedanken, Vorstellung und Phantasie immer präsent. Wenn man den anderen dann wieder sieht, dann geht ein Glanz über das Gesicht und der Blick wird ganz verklärt. Im diesen verklärten Blick hat der Geliebte keinen Mangel und keinen Fehler, oder diese machen ihn nur noch sympathischer, weil auch diese ihn einzigartig machen.
Diese menschliche Erfahrung des verliebten Blicks hat den Heiligen des heutigen Tages, unseren Ordensvater Johannes vom Kreuz, tief geprägt. Der verliebte Blick ist der Blick, wie Gott auf den Menschen sieht. Für ihn ist Gott der große Verliebte und Liebende, der den Menschen wohlwollend und verliebt anschaut und Beten heißt nichts anders, als sich diesem Blick auszusetzen und von ihm anschauen zu lassen, zumindest das was wir als kontemplatives Beten verstehen, denn Kontemplation heißt nichts anderes als anschauen.

Der große Wendepunkt im Leben des Menschen ist der Augenblick, in dem er sieht, dass Gott ihn anblickt, ja, dass er ihn sehr liebevoll anblickt. In diesem Blick Gottes ist er, der Mensch, ansehnlich, würdevoll, schön, so wie Gott sich den Menschen gedacht hat. Der Mensch ist von seinem Wesen her schön, weil er von Gott geschaffen, angesehen und geliebt wird. Aber die Schönheit des Menschen kann sich nicht entfalten und zur Geltung kommen, weil der Mensch in seiner Eigenmächtigkeit stecken bleibt, mit der er selbst in Erscheinung treten möchte.

Er schaut nicht auf die Gaben Gottes, die in ihm aufgehäuft sind, sondern auf sich selbst und will aus dem Nichts sich selbst zum Vorschein bringen. Damit kehrt er seine Ausgangsposition ins Gegenteil um, nämlich in Unzulänglichkeit und Schwäche. Anstatt seine natürliche Schönheit von Gott fördern zu lassen, begräbt er diese unter den verkrampften Bemühungen, sich losgelöst davon, Geltung zu verschaffen.

Die Bekehrung, die vom Menschen verlangt wird, ist die der Aufmerksamkeit auf die liebevollen Augen Gottes und die Erwiderung ihres schönmachenden Blickes.

Der Heilige findet dieses wunderbare Bild für Gott und seiner Beziehung zum Menschen in einem etwas unbekannten Buch des Alten Testaments, dem Hohelied der Liebe. Er selbst dichtet dieses Liebeslied um, um Menschen anzuspornen, sich von dieser Liebesbeziehung ergreifen zu lassen in seinem geistlichen Gesang, der zugleich zu den Weltklassikern der spanischen Sprache gehört, wie bei uns die Dichtungen von Goethe.
In seinen Gedichten klingen die Bilder und die Sprache des Hoheliedes aus dem Alten Testament an, aber er füllt sie doch mit eigenen Bedeutungen. Im Deutschen hört es sich so an, natürlich kann eine Übersetzung nicht die vollendete Poesie in der Muttersprache des Johannes vom Kreuz wieder geben.

Hören wir trotzdem gut hin:

„Als du mich anblicktest,
drückten deine Augen ihren Liebreiz in mich ein;
darum schwärmtest du für mich,
und damit verdienten es
die meinen, anzubeten, was sie in dir sahen.“

Nicht die eigene Sehkraft, sondern die Sehkraft der göttlichen Augen, erweist sich als Motor für die Gewinnung eines klaren Liebesblickes, denn Gottes Augen können sich nicht trüben. Die göttliche Schönheit, die der Mensch seit seiner Erschaffung in sich trägt, steht Gott immer vor Augen. Gott hat ja den Menschen nach seinem Bild erschaffen. Deshalb braucht der Mensch nichts hinzuzufügen und machen, er kann es auch nicht. Es genügt, dass er es zulässt, indem er es empfängt und offen dafür wird.

Gott hat den Menschen aufgrund seiner göttlichen Liebe erschaffen und liebt ihn um seiner selbst willen, das heißt um seines Bildes willen, das er in ihm sehen will. Wenn sich diese Schönheit im Menschen entfaltet, weil der Mensch die göttliche Liebe in sich einströmen lässt, liebt Gott ihn auch seinetwillen, das heißt auf Grund des Liebreizes, der ihm geschenkt wird, weil er sich lieben lässt.

So entsteht eine Gegenseitigkeit in der Beziehung, die sich immer tiefer auswirkt: der Mensch lässt sich immer mehr von Gott lieben und Gott verliebt sich immer mehr in den Menschen. Auf diese Weise wird ihm immer mehr Liebe und Liebreiz mitgeteilt. Und schließlich sind die Augen des Menschen so von Liebe erfüllt, daß er auch sich selbst, seine Mitmenschen und die Schöpfung ansieht und göttliche Schönheit wahrnimmt!

Ein so in Gott verliebter Mensch nimmt in allem die verliebten Augen Gottes wahr – sein heiligstes Antlitz, das ja in der Bibel in den verschiedensten Formen angebetet, besungen, betrachtet wird. Für Johannes vom Kreuz heißt Beten nichts anders, als sich von dem anschauen lassen, der mich anschaut. Einmal von diesem Blick erfasst, kann für jeden Menschen eine faszinierende Liebesgeschichte beginnen.

P. Elias M. Haas OCD

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